Die Entwicklung beruflicher Selbstregulation in der Berufseingangsphase und ihre Wirkung auf das Wohlbefinden von Lehrkräften
Abstract
In der vorliegenden Dissertation wird sich mit der beruflichen Selbstregulation von (angehenden) Lehrkräften als einer persönlichen Strategie der Belastungsbewältigung auseinandergesetzt. Im Modell zur professionellen Kompetenz von Lehrkräften von Baumert und Kunter (2006) wird berufliche Selbstregulation neben den Bereichen Professionswissen, Überzeugungen/Werthaltungen und motivationalen Orientierungen als eine Facette der professionellen Handlungskompetenz von Lehrkräften verankert. Beschrieben wird eine adaptive Form der Selbstregulation im Sinne der Fähigkeit, effektiv mit den eigenen Ressourcen zu haushalten (Klusmann 2015). Demnach bringen Lehrkräfte, die zu beruflicher Selbstregulation fähig sind, das zur erfolgreichen Berufsausübung notwendige Maß an beruflichem Engagement auf und sind zugleich in der Lage, sich von beruflichen Belangen zu distanzieren und ihre eigenen Ressourcen zu schonen (Klusmann 2011; Roloff Henoch et al. 2015). Diesem effektiven Umgang mit den eigenen Ressourcen wird eine hohe Bedeutung für eine langfristig erfolgreiche Berufsausübung, und damit sowohl für die Karrieren der einzelnen Lehrkräfte als auch mit Blick auf den langanhaltenden Lehrkräftemangel in Deutschland, zugeschrieben (Klusmann 2011). Zur Messung der beruflichen Selbstregulation empfehlen Baumert und Kunter den Einsatz von Auszügen des Inventars zur Erfassung arbeitsbezogener Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM) von Schaarschmidt und Fischer (2001a). Dieses Inventar findet sowohl im deutschsprachigen Raum (siehe z. B. Krause 2003b; Schaarschmidt 2005; Hedderich und Hecker 2009; Oesterreich 2015) als auch international (Gençer et al. 2010; Mašková 2023) Verwendung. Es ermöglicht anhand von 66 bzw. 44 Items die clusteranalytische Unterscheidung von vier Typen bzw. Mustern des Umgangs mit beruflichen Anforderungen: Gesundheitsmuster, Schonungsmuster, Risikomuster A und Risikomuster B. Diese Typologie ist für die vorliegende Dissertation von zentraler Bedeutung. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird auf Daten der Studierendenkohorte (Startkohorte 5) des Nationalen Bildungspanels (NEPS, Blossfeld und Roßbach 2019) sowie der Zusatzstudie des Lehramtsstudierenden-Panels (LAP, Schaeper et al. 2023) zurückgegriffen. Dabei kam eine stark gekürzte Version des AVEM-Inventars zum Einsatz, die speziell für die Lehramtsstichprobe entwickelt wurde. Die Kurzskala umfasst 13 Items zu jeweils zwei Subdimensionen des beruflichen Engagements und der Widerstandsfähigkeit gegenüber beruflichen Belastungen. Das Kurzinstrument wurde mit Unterstützung ausgewählter Expert:innen und unter Zuhilfenahme von Skalenkennwerten aus der COACTIV, der COACTIV-R und der BilWiss-Studie (Baumert et al. 2008; Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 2010; Kunter et al. 2016) entwickelt. Bei dem Einsatz galt als fraglich, ob es auf Basis der wenigen Items möglich sei, die bekannte Typologie zu replizieren, die sich in der Vergangenheit als prädiktiv für den Verbleib im Beruf, die Gesundheit und die Qualität der Berufsausübung von Lehrkräften erwiesen hat (z. B. Schaarschmidt et al. 2000; Schaarschmidt 2005; Klusmann et al. 2008; Roloff Henoch et al. 2015). Ziel der vorliegenden Dissertation ist es daher einerseits, die Kurzskala eingehend zu überprüfen, wobei neben der Untersuchung der faktoriellen Struktur und internen Konsistenz insbesondere die Reproduktion der bekannten AVEM- bzw. Selbstregulationsmuster im Fokus steht (Beitrag 1). Andererseits wird die ermittelte Selbstregulationstypologie anhand der Phase des Übergangs vom Lehramtsreferendariat in den Beruf auf zeitliche Stabilität getestet (Beitrag 2) und gemeinsam mit dem Schulleitungshandeln hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Lehrkräften geprüft (Beitrag 3). In den Beiträgen wird die berufliche Selbstregulation theoretisch in verschiedene Modelle der Gesundheits- und Belastungsforschung eingebettet. Hierbei wird insbesondere auf Ressourcentheorien zur Erklärung von Stress am Arbeitsplatz zurückgegriffen. Die Beiträge beleuchten, wie Selbstregulation als Strategie der Stressbewältigung fungiert und welche Rolle sie im Kontext der Gesundheit und des (beruflichen) Wohlbefindens von Lehrkräften spielt. Mit diesem Vorhaben leistet die vorliegende Dissertation wichtige Beiträge für Wissenschaft und Praxis. Durch die Überprüfung und Validierung einer Kurzskala zur Erfassung beruflicher Selbstregulation wird ein neues, zeitökonomisches Instrument bereitgestellt, das in zukünftigen quantitativen Studien zur Analyse der Belastung und Beanspruchung von Lehrkräften sowie ihren individuellen Bewältigungsstrategien eingesetzt werden kann. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Lehrkräfte bereits im Referendariat risikobehaftete Selbstregulationsmuster aufweisen und sich der Anteil mit dem Übergang in den Beruf nur geringfügig reduziert. Dies deutet auf einen Bedarf an gezielten Interventionen wie Resilienz- und Achtsamkeitstrainings hin. Neben den individuellen Voraussetzungen wird auch die Bedeutung des beruflichen Umfelds in den ersten Berufsjahren von Lehrkräften beleuchtet. So wird im dritten Beitrag der transformationale Führungsstil der Schulleitung als zentrale Ressource für ihr berufliches Wohlbefinden und die Gesundheit betrachtet. Hierbei zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen dem Führungsstil und den Outcomes nicht signifikant durch die vier Selbstregulationsmuster beeinflusst wird. Es lässt sich schlussfolgern, dass Lehrkräfte ungeachtet ihrer beruflichen Selbstregulation von transformationaler Führung profitieren, wobei die Schulleitung jedoch nicht in der Lage ist, die ungünstigen Voraussetzungen jener Personen zu kompensieren, deren Selbstregulationsmuster als risikobehaftet eingestuft werden. Die Beiträge der kumulativen Dissertation bekräftigen die Bedeutsamkeit beruflicher Selbstregulation für das Wohlbefinden und die Gesundheit von Lehrkräften und legen damit die Notwendigkeit stärkerer Gesundheitsprävention und fürsorge nahe. Mögliche präventive Maßnahmen können sich neben der Stärkung der Selbstregulation von Lehrkräften auch auf die Gestaltung eines förderlichen beruflichen Umfelds erstrecken. Ein Beispiel für eine aus diesem Kontext relevante Personengruppe ist die Schulleitung, deren Führungsverhalten sich im letzten Beitrag dieser Dissertation als wichtige Stütze für Lehrkräfte erwiesen hat und sie folglich in der langfristig erfolgreichen Ausübung ihrer Arbeit unterstützen kann. Angesichts des anhaltenden Lehrkräftemangels in Deutschland und der zentralen Bedeutung der Lehrkräfte für die Ausbildung nachfolgender Generationen ist es von großer Relevanz, Strategien zu identifizieren und zu erproben, die die Attraktivität des Lehrkraftberufs erhöhen und die langfristige Gesundheit der berufstätigen Lehrkräfte sichern kann.
Details
- betreut von
- Monika Jungbauer-Gans
- Organisationseinheit(en)
-
Institut für Soziologie
- Typ
- Dissertation
- Anzahl der Seiten
- 93
- Publikationsdatum
- 16.01.2026
- Publikationsstatus
- Veröffentlicht
- Ziele für nachhaltige Entwicklung
- SDG 3 - Gute Gesundheit und Wohlergehen
- Elektronische Version(en)
-
https://doi.org/10.15488/20345 (Zugang:
Unbekannt
)